Eine nackte Unschuld auf der Drehscheibe Welt

 

Hausherr Stefan Bachmann startet mit Horváths „Wienerwald“ eindringlich in Kölns neue Spielzeit

 

Von Günther Hennecke

 

Köln – Köln, das scheint eine Stadt mit eigenen Gesetzen. Man könnte auch sagen: eine Stadt des theatralischen Chaos. Pläne sind Makulatur, ehe sie auch nur annähernd umgesetzt sind. Umbauten verzögern sich um Jahre. Und selbst vermeintlich festgezurrte Fixpunkte zerfallen nicht selten zu Staub. So geht es etwa dem Schauspiel, das, statt wie geplant, nach Jahren der Diaspora am kommenden Wochenende ins alte neue Haus in der Innenstadt zurückzukehren, weiterhin im rechtsrheinischen Mülheim sein Dasein fristen muss. Erwartete Dauer der Verzögerung: ein Jahr. Doch wer weiß das schon.

Stefan Bachmann, leidgeprüfter Intendant des Schauspiels, wollte im runderneuerten Haus am Offenbachplatz ganz anders starten. Stattdessen musste er kurzfristig umplanen. Ödön von Horváth sprang in die Bresche. Und wie sich nun zeigte, kann auch aus geplatzten Plänen Großes entstehen. Zudem könnten seine „Geschichten aus dem Wienerwald“ als Metapher für das theatralische Elend dieser Stadt stehen. Schließlich geht es auch in dieser Tragikomödie von 1931 drüber und drunter, wird Glück nur als Illusion erfahren und ist Schicksal stets Zerstörung. Also doch ein Spielzeit-Auftakt nach Maß – im Depot 1 in Mülheim.

 

Der rote Vorhang verbirgt anfangs alles andere als ein klassisches Drama. Wenn er sich öffnet, sind wir sofort mitten drin in einer Totenmesse. Der Tod kommt aus dem Hintergrund, begleitet von Gestalten, die Lemuren und Geistern ähnlicher sind als lebendigen Menschen. Eine Gruppe am Rande der Gesellschaft bewegt sich gebeugt, in verkrampften Bewegungen und überspitzt karikaturesk in die Welt. Draußen herrscht an diesem Premierenabend übrigens Halloween. Real.

Scheinen die Personen schon aus der Zeit gefallen, so verweist eine riesige Holzscheibe (Bühne Olaf Altmann) auf eine Welt, an deren Rändern man, wie das Mittelalter zu wissen meinte, ins Unendliche abstürzte. Und bei Horváth, radikal intensiviert durch Bachmanns Regie, stürzen alle ab. In einem Drama, in dem das Wort Liebe zur Floskel und beliebigen Gefühlsware verkommt. Bis zu Oskars Drohgebärde in Richtung seiner Verlobten Marianne (Lou Zöllkau), nachdem sie auf den Hallodri Alfred (Robert Dölle) reingefallen ist und von Oskar (Bruno Cathomas) nichts mehr wissen will: „Ich werde Dich weiterlieben, du entgehst mir nicht!“ Er wird Recht behalten, weil die um Liebe und Kind betrogene Tochter des Prinzipienreiters und bigotten Moralisten Zauberkönig (Martin Reinke) am Ende dem Spießer Oskar in die Arme sinkt.

Auf ihrem Weg erlebt die zarte Frau so manche Demütigung. Bis sie, nackt und in grellweißes Kunstlicht getaucht, ein Bild verwirrender Unschuld, in einer Bar der männlichen Begierde ausgesetzt ist. Wenn sich, während sich am Rande der Drehscheibe die Szenen aneinanderreihen, der bigotte und besoffene eigene Vater der marmorn wirkenden Tochter von hinten nähert, mit Flügelschlägen metaphorisch eindeutig zu Werke geht, ist das eine der zahlreichen eindrucksvollen Szenen dieser Inszenierung.

Am Ende haben falsche Gefühle und der Tod gewonnen. Marianne hängt schlaff und aller Kräfte beraubt, am Hals dessen, der ihr seine Liebe angedroht hat. Neben beiden steht, wie zu Beginn des Abends, der Tod. In seinen Armen hält er den toten Körper von Mariannes Kind. Nicht nur die Gegenwart, auch die Zukunft scheint verloren.

Ein packender und kunstvoll arrangierter Theaterabend in Köln.

Auff.: 3., 6., 7., 21., November; 1., 6., 17., 20., 27. Dezember; www.schauspielkoeln.de