Geheimnis und Komik des Dschihad

Uraufführung „Stirb, bevor du stirbst“ des syrischen Kurden Ibrahim Amir in Köln

 

Von Günther Hennecke

 

Köln – Er ist, wenn man so will, ein Flüchtling der ersten Generation. Wegen seines Engagements für eine kurdische Studenten-Organisation wurde er exmatrikuliert und vom weiteren Studium der Theaterwissenschaft ausgeschlossen: Ibrahim Amir, 1982 im syrischen Aleppo als Sohn kurdischer Eltern geboren, zog es daraufhin 2002 nach Wien. Dort begann er ein Medizin-Studium, das er 2012 erfolgreich abschloss.

Die Liebe zur Sprache trieb den Mediziner freilich auch in die Fänge der Literatur und des Theaters. Für seinen Roman „In jener Nacht schlief sie fest“ erhielt er 2009 den Exil-Literaturpreis für in Österreich lebende Autoren mit Migrationshintergrund. Für seinen Bühnen-Erstling, das 2013 in Wien uraufgeführte und im Mai 2014 am Schauspiel Köln deutsch erstaufgeführte Stück „Habe die Ehre“, wurde ihm ebenfalls eine Auszeichnung ans Revers geheftet: der Nestroy-Preis.

Nun ergriffen die Amir-erfahrenen Kölner die Chance und ermunterten den Klinik-Arzt, nur für sie in die Tasten zu greifen. Heraus kam sein neuestes Drama „Stirb, bevor du stirbst“. Mit dessen Uraufführung in der Regie von Rafael Sanchez fand ein aktuelles Thema auf die Bühne: Weshalb zieht es junge Männer, scheinbar im Westen fest verankert, in den Dschihad, den „Heiligen Krieg“. Natürlich findet selbst ein Dramen schreibender Mediziner keine einfachen Antworten. Also etikettierte er die kaum lösbare Aufgabe als Komödie.

Die deutsche Oma Gertrud, ein wenig dement in ihrer Altklugheit, bietet sich bestens an, dem Spaß am Spiel die Sporen zu geben. Mit ihr hat die neue Nachbarin, die quirlig-beredte Magda, leichtes Spiel. Mit Süßem aus dem Libanon, ihrer einstigen Heimat, gewinnt sie deren Zu- und Vertrauen. Doch als Gertruds Tochter Sabine, überreizt, schlecht gelaunt und voller Misstrauen gegenüber der Ex-Libanesin nach Hause kommt, ist der Spaß zu Ende. Diese permanent gut gelaunte und kokettierend den Raum füllende Libanon-Süße ist eine bedrohliche Ausländerin. Bis Sabine, völlig verstört und verwirrt, erfahren muss, dass ihr Sohn Philipp mit einem Freund nach Syrien unterwegs ist, um sich dem Dschihad anzuschließen. Für Mama stürzt eine Welt ein. Andere müssen schuld sein: Es ist der Imam von der Moschee nahebei.

Es kommt, was kommen muss. Freilich in ein Bild umgesetzt, das als überzogenes Klischee ganz der Komödie verpflichtet ist: In elegantes, Körper und Gesicht ganz bedeckendes Schwarz gehüllt, und damit eher an die Frauen in Lorcas Dramen erinnernd als an Tschador tragende Mohammed-Töchter, treten Oma, Tochter und Muslimin Magda dem Iman vor die Augen. Der, von Sabine voller Wut mit allen Islamisten in einen Topf geworfen, macht die Gesellschaft für alles moralisch Verwerfliche verantwortlich. Misstrauen und Hass in allen Ecken. Bis der Imam erfährt, dass auch sein Sohn, Mustafa, auf dem Weg nach Syrien ist.

„Tun wir was dagegen!“, fordert Sabine den Imam kämpferisch vereint auf.

Doch die gemeinsame Suche erweist sich als unnötig: Philipp und Mustafa tauchen unvermittelt auf. Sie waren gar nicht in Syrien, sondern bildeten sich in der Türkei zu toleranten Sufis aus, denen Liebe, Harmonie und Schönheit höchste Ziele sind. Eine Volte, die weniger dramatisch als komisch wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt.

Rasender Applaus für einen spielerisch sich zunehmend steigernden Theaterabend.

Aufführungen: 7., 8., 13., 15. November; 2., 8., 12., 16., 25. Dezember; www.schauspielkoeln.de