„Tête-à-tête“ mit Frankreich
Juliette Binoche und Michel Piccoli bei den Ruhrfestspielen, Europas ältestem Theater-Festival
Von Günther Hennecke
Recklinghausen – „Kunst gegen Kohle“. Das ist Legende. Aber eine wahre. Sie steht für Europas ältestes Theaterfestival, das aus dem Duo von Not und Kunst geboren wurde. Hamburger Theaterleute kamen im eiskalten Winter 1946/47 mit zwei LKWs voller Hoffnungen in den „Pott“. Ihre Häuser standen wegen Kohlemangel kurz vor der Schließung. In Recklinghausen fanden sie Hilfe: Bergarbeiter der Zeche König Ludwig packten den LKW mit Kohle voll – und die Theater lebten weiter.
Illegal war das, an der britischen Militärpolizei vorbeigeschmuggelt, aber der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Denn den weiteren Kohle-Fahrten Richtung Norden folgte als Dankeschön die Reise der Theaterleute von der Elbe in den Süden: Im Sommer 1947 gastierten 150 Schauspieler der drei Staatsbühnen unter dem Motto „Kunst gegen Kohle“ erstmals in Recklinghausen.
Was folgte, ist Geschichte. Die Stadt und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gründeten die Ruhrfestpiele. Goethe und Schiller, Mozart und Wagner schlugen erste Schneisen, ehe auch die Moderne, präsentiert von Theatertruppen aus ganz Europa, den Weg nach Recklinghausen fand. Vor allem Hangünther Heyme, Chef von 1990 bis 2003, stand für die Internationalisierung. Nachfolger Frank Castorf rief, nun auch im Pott, die Gegner seiner Regie-Taten auf den Plan. Schon 2004 war Schluss. Gerard Mortier folgte als Intendant und Christoph Schlingensief hinterließ seine Spuren als Allround-Künstler. Seit 2005 hält Frank Hoffmann, Intendant des Théatre National du Luxembourg, die künstlerischen Fäden in der Hand. Seitdem stimmen wieder Publikumsinteresse und Kasse.
Stars und Sternchen
„Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“ sollen die Festspiele in diesem Jahr werden, ein „Tête-à-tête“ der theatralischen Art. Durch die Terror-Anschläge in Paris bekamen die diesjährigen Spiele (1. Mai – 14. Juni) zudem noch eine unerwartet aktuelle Gewichtung. Namhafte Produktionen, von Klassiker-Inszenierungen bis zu Uraufführungen junger Autoren, werden geadelt durch französische Schauspieler-Legenden wie Juliette Binoche und Michel Piccoli, Hervé Pierre und André Marcon. International und national gefeierte Künstler, unter ihnen Jane Birkin und Isabella Rosselini, Ute Lemper, Nina Hoss und Corinna Harfouch ergänzen die Phalanx der zu erwartenden Ereignisse und Künstler.
Insgesamt werden an 17 Spielstätten in und um Recklinghausen 110 Projekte in 317 Aufführungen zu sehen sein. Moliere und Eugène Labiche, Gustave Flaubert und Émile Zola führen ins klassische Theater-Frankreich. Bernard-Marie Koltès und Yasmina Reza, Joel Pommerat und Olivier Py lenken den Blick auf die Moderne. Für einen weiten zeithistorischen Bogen sorgen zudem so renommierte Theater wie das „Théâtre de la Manufacture“ aus Nancy und das „Festival d`Avignon“.
Uraufführungen aus den Federn von Albert Ostermaier und Christoph Nußbaumeder, Armin Petras und Dirk Laucke ergänzen das weit gefächerte Programm. Hinzu kommen Gastspiele internationaler Tanz-, Musik- und Artistik-Truppen aus ganz Europa.
Karten unter 02361-9218-0; www.ruhrfestspiele.de