Die Ruhrfestspiele eröffnen mit Labiches „IchIchIch“
RECKLINGHAUSEN. Das Leichteste ist am schwersten zu verwirklichen – ein altes Paradox und wahr, es gilt auch und gerade fürs Theater. Die Lustspiele des 2. Kaiserreichs in Frankreich sind wahnsinnig komisch, aber es ist unglaublich schwer, diese Komik zu entbinden – gerade auf deutschen Bühnen.
Ein Beispiel dafür ist Martin Kušejs Inszenierung von Eugène Labiches bei uns selten gespieltem bürgerlichantibürgerlichem Lustspiel „Ich Ich Ich“ („Moi“). Im Mittelpunkt steht Monsieur Dutrécy, ein Mittfünfzier, vermögend – und ein Egoist, wie er im Buch steht. Er will Geld verdienen, indem er seinen Arzt übers Ohr haut, der ein Grundstück besitzt und nicht weiß, wieviel es wert ist. Er will seine Nichte heiraten, damit sie ihn glücklich macht. Ihr Glück ist ihm herzlich egal – und das aller seiner Verwandten und sogenannten Freunde. Nach vielen Betrügereien und Verwechslungen endet die Komödie mit doppeltem Happy-End: Nicht nur die Paare, die sich lieben, bekommen sich, sondern auch der Egoist wird bestraft. Er steht am Ende ganz allein auf der Bühne: „Keiner denkt an mich, nur ich.“ Schrecklich.
Komplexität frisst Komik
Die Komödie ist fast makellos gebaut – fast. Sie läuft ab wie ein Uhrwerk, aber sie ist zu kompliziert. Diese Komplexität steht dem Witz im Weg – und so gab es in Recklinghausen bei der Premiere am Sonntagabend zum Auftakt der Ruhrfestspiele anfangs wenig Publikumsreaktion – trotz des Esprits Labiches und der beachtlichen Situationskomik, auf die Regisseur Martin Kušej Fleiß & Schweiß verwandt hatte. Aber nicht nur der Regisseur und der Autor sind schuld, dass im ersten Teil so wenig gelacht wurde, es lag auch am Publikum:
Eine wichtige Nebenfigur ist der Diener. Er wird herz- & hirnlos behandelt, soll parieren; ob er überfordert wird, ist den Herrschaften Wurscht.
In der besten Szene kommen mehrere feine Leute an, alle haben Koffer über Koffer bei sich. Und der arme Diener muss sie hereinbringen. Einmal muss er sechs Gepäckstücke balancieren, weil alle vergessen haben, ihm zu sagen, er solle die Koffer absetzen.
Das ist ein Sinnbild für die Gedanken- & Herzlosigkeit, mit denen Arbeitskraft verschleudert wird. Thomas Gräßle spielt diesen Balanceakt des Dieners, dieses fast Zusammenbrechen unter einer widersinnigen Last wahnsinnig komisch; die Szene spielt auf unsere Gegenwart an, in der unsere Manager Arbeitskraft vergeuden, anstatt sie sinnvoll einzusetzen. Engherzigkeit & Engstirnigkeit stehen in guter Tradition nebeneinander am Pranger. Warum wird hier kaum gelacht? Schließlich ist ein Träger der Ruhrfestspiele der Deutsche Gewerkschaftsbund – können Gewerkschafter nicht mehr erkennen, wenn unser Managerunwesen dem Gelächter preisgegeben wird?
Eine Frage der Intelligenz
Am Ende gewann die Aufführung an Dynamik, es gab noch Applaus – aber der Auftakt der Ruhrfestspiele hätte doch gelingen können. Ein intelligentes Stück braucht neben einem intelligenten Regisseur auch ein intelligentes Publikum.
Ulrich Fischer
Internet: www.ruhrfestspiele.de – Kartentelefon: 02361 9218 – 0
Die Ruhrfestspiele dauern bis zum 14. Juni 2015