Forensische Anthropologie

Kathy Reichs neuer Roman: Die Sprache der Flammen

Kathy Reichs neuer Krimi heißt „Die Sprache der Flammen“ – es ist   schon ihr 23. Thriller . Routine läuft  Gefahr, ermüdend zu wirken. Ist aber bei Kathy Reichs nicht der Fall. Das liegt an ihrer Spezialität: Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie, als forensische Anthropologin zertifiziert und arbeitet für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina. Ihre Heldin trägt viele ihrer Züge: Tempe Brennan zeichnet sich wie ihre Schöpferin aus durch immense und verblüffende Kenntnisse. Wo Alltagsmenschen schaudernd vor  entsetzlicher Zerstörung und verkohlten Leichen zurückschrecken, vermag sie mit der professionellen Kaltblütigkeit einer erfahrenen Wissenschaftlerin Hinweise zu entdecken, die zu Verbrechern führen, die hofften, keine Spuren zu hinterlassen.

Diese Passagen, in denen Kathy Reichs grausige menschliche Überreste, Tempes Untersuchung und   Schlussfolgerungen schildert, sind  auch in der „Sprache der Flammen“ die fesselndsten, weil scharfsinnigsten Teile des Romans.  Jens Plassmann erspart uns nichts, übersetzt kristallklar – genauso präszise, aber sehr viel angenehmer bei den Pointen, mit denen Kathy Reichs ihren Roman, insbesondere ihre Dialoge, spickt.

Tempe Brennan wird diesmal von Kathy Reichs nach Washington geschickt – sie findet in der Hauptstadt nicht nur rachedürstende alte Leute und gewissenlose Brandstifter, sondern auch reiche und arme Mitbürger, deren Wohnungen sie detailfreudig schildert. Am schlimmsten wirken Behausungen für Mittellose,  bei denen profitgeile Miethaie Brandvorschriften systematisch missachten.  Kathy Reichs glänzt nicht nur als Wissenschaftlerin, sie brilliert auch als scharfsichtige und kenntnisreiche Autorin,  beschreibt mit Brio und Ironie Umgebungen, und mit deren Einrichtung und Quadratmeterzahl   den Reichtum und die Armut Washingtons. Angeber, Prestigesüchtige, die Geschmacklosigkeit im Souterrain, das Elend unterm Dach. Gegensätze. Diese Elemente, vor allem aber die professionellen Beschreibungen der forensischen Pathologin, sind überzeugender geglückt als die Handlung, die in Sprache der Flammen relativ einfallslos abrollt.

Trotz alledem: Die grausig-genaue Beschreibung verkohlter Leichen, der schrecklichen Verheerungen, die Feuer an menschlichen Körpern anrichtet, die wissenschaftlich kühle  Haltung gegenüber dem Schrecken – das ist Kathy Reichs Alleinstellungsmerkmal, macht auch diesen Roman wieder zu einem ganz besonderen. Zumal diese Passagen flankiert werden von Beschreibungen des Polizeialltags voller Humor. Pointen sind  eine weitere Spezialität von Kathy Reichs. Ein Feuerwerk der Ironie, des Sarkasmus und der Selbstkritik. Lesenswert!

Kathy Reichs: Sie Sprache der Flammen. Ein neuer Fall für Tempe Brennan. Thriller, 364 S., 24,00€. Heyne.